Es ist schon etwas ungewohnt, oder? Da gehen plötzlich Leute auf die Strasse um zu demonstrieren, es werden immer mehr und mehr, in immer mehr Städten der Welt, man sieht sie plötzlich in der Tagesschau oder liest davon in den Zeitungen.
Erst sind sie noch weit weg, am anderen Ende sozusagen, doch seit dem letzten Wochenende passiert es direkt vor unserer Tür, wir sind live dabei, wir können es spüren, wir spüren dass.... Ja, was eigentlich?
Ich muss gestehen, dass ich etwas irritiert bin. Nicht dass man mich falsch versteht, nicht irritiert deswegen, weil Leute auf die Strasse gehen, um sich Gehör zu verschaffen, nein, im Gegenteil. Mich irritieren eher die Hintergründe. Na ja, warum gehen die Leute auf die Strasse? Warum sind sie unzufrieden, ja sogar empört? Und warum erst jetzt?
Man hört, dass diese Unzufriedenheit ihren Ursprung in der Verlogenheit und Gier der Banken und der Banker habe, die auf dem Rücken der Bürger deren Geld verjubeln. So stand es ja auch auf diversen Schildern, „Ihr verjubelt unser Geld“ und Begriffe wie „Bangster“ oder „Class War“. Letzteres wohl bezogen auf den Unmut über die Ungerechtigkeit in der Finanzwelt, in der die Reichen immer reicher werden, und die Armen immer ärmer.
Es kommt mir ein bisschen so vor, als wäre das eine neue, gerade erst aufkommende Entwicklung, die uns alle überrascht. Dabei ist es doch vielmehr so, dass unser gesamtes System, die Art wie wir Leben und was wir für normal halten genau darauf basiert, oder etwa nicht? Warum also erst jetzt?
Vielleicht, weil wir die Ungerechtigkeit erst jetzt zu spüren kriegen, und zwar dadurch, dass unser Geld flöten geht? Wir dürfen nicht vergessen: Global gesehen sind wir die Reichen, wir sind die Banker, die auf dem Rücken der Armen immer wohlhabender und immer größer wurden.
Für uns ist es normal, alles zu bekommen, was wir wollen. Unser Interesse gilt dem Konsum, der alles was wir erschaffen, wofür unsere westliche Welt steht am Leben erhält. Wir können uns alles leisten, wir brauchen nur in unsere Shopping-malls zu gehen, es liegt alles da. Wenn es unser Fernseher nicht mehr bringt, pilgern wir einfach zu Media Markt und „holen“ uns einen neuen. „Kostet ja nix mehr, das Zeug!“ Wir erfreuen umso mehr einer gekauften Sache, je weniger wir dafür bezahlt haben, statt ihren Wert zu schätzen. So nimmt der Kreis seinen Lauf, wir wollen immer möglichst wenig für etwas geben und vergessen dabei jedoch, dass sich dieser Kreis irgendwann schließen wird, und wir den Effekt ebenfalls spüren. Dazu werden wir auch noch angehalten, mehr zu konsumieren, weil das unsere Wirtschaft stärkt, und es uns somit allen besser geht. Doch zu elchem Preis? Es würde doch niemand auf die Idee kommen, das alles zu hinterfragen, sich zu überlegen, ob unser Wohlstand vielleicht nicht doch darauf basiert, dass es irgendwo, an einem anderen Ort, anderen dafür schlechter geht.
Erst jetzt, wo der Bumerang zurück kommt.
Und nun? Die Suche nach einem Schuldigen war wieder mal kurz. Aber, machen es wir uns nicht zu leicht, in dem wir einfach die Banken an den Pranger stellen? Schließlich und sind sie auch nur ein ausführendes Organ eines Systems, welches unsere Gesellschaft für optimal empfunden hat. Jedenfalls, solange sie sich daran bereichern konnte.
Und natürlich sind die Rufe nach Gesetzen, nach Politikern, die etwas unternehmen, auch jetzt wieder sehr schnell, sehr laut geworden. Doch, brauchen wir Gesetze und Politiker, die uns sagen, was wir zu tun haben? Müssen wir nicht selber Verantwortung für unser Handeln übernehmen, statt sie immer wieder bei anderen zu suchen? Wir sollten doch durchaus in der Lage ist, unsere Umgebung wahrzunehmen und dementsprechend zu handeln. Vielleicht gelingt uns ja der Wahnsinnsakt, uns selbst kritischer zu beobachten. Wer weiß, vielleicht fällt uns ja noch so einiges auf.
Wenn wir also dieser Tage auf die Strassen gehen, oder uns mit Nachbarn darüber unterhalten, sollten wir nicht vergessen, wer wir sind.