Sehr traurig
Eigentlich wollte ich heute in den Blog schreiben, dass wir grade dabei sind, unsere Songs auf die Bühne zu bringen. Was etwa soviel bedeuten soll wie, dass ich grade dabei bin, eine Band zusammen zu stellen.
Doch das ist im Moment gar nicht so wichtig. Momentan bin ich, wie anscheinend so viele andere Leute auch, sehr traurig über den Suizid von Robert Enke. Nicht weil er ein herausragender Torwart, noch dazu bei 96 war. Ich bin kein Fussball-Fan. Aber ich lebe in Hannover und daher habe ich erlebt, was Robert Enke für diese Stadt bedeutet hat. Auch neben dem Fussball. Ein Sympathie-träger der bescheiden und zurückhaltend war, respekt- und würdevoll in Erscheinung trat.
Es hat sich herausgestellt, dass Enke an Depressionen litt, und das schon seit einigen Jahren. Aus Angst seine Karriere zu verlieren hat er seine Erkrankung verschwiegen. Und wir müssen erkennen, wie berechtigt seine Angst war.
Als vor drei Jahren seine Tochter Lara an einem Herzfehler starb, ging Enke damit sehr offensiv um, und stand ein paar Tage danach schon wieder im Tor. Alle haben ihn dafür bewundert. Man hat ihm zugesehen, wie er über sich hinaus wuchs, ja, fast unbezwingbar schien er zu sein. Niemand, und nur wenige die ihm näher standen, hatten geahnt, wie es ihm wirklich ging. Wir haben das, was wir gesehen haben, für real empfunden, nichts war zu erkennen, von der tatsächlichen Situation. Wir sahen den souveränen Enke und waren froh, dass es ihm nach so einem Schicksalsschlag so gut ging. Denn dann ging es uns nämlich auch gut. Wir hielten ihn für stark. Wie hätten wir reagiert, wenn seine Erkrankung plötzlich bekannt geworden wäre? Wie weit muss ein Mensch gehen, damit andere auf seine Not aufmerksam werden? Was sind wir denn für eine Gesellschaft, die jemanden soweit treibt, ein derart monströses Gebilde um sich herum zu bauen, aus Angst davor, die Wahrheit könnte uns erreichen?
Man liest und hört jetzt oft, dass im Spitzensport so immensen Erwartungsdruck herrsche. Dass es immer nur um Gewinner und gewinnen ginge. Das ist wohl richtig, doch nur im Spitzensport? Wie sieht es im “normalen” Leben aus? Doch überhaupt nicht anders. Fehler oder Schwächen blenden wir aus, lachen sie weg, akzeptieren wir nicht. Unsere eigenen versuchen wir zu verstecken, die von den anderen versuchen wir zu finden- um sie zu verhöhnen. Das hat uns unsere Art und Weise, wie wir miteinander umzugehen haben, gelehrt. Wer sich nicht durchsetzen kann, seine Ellbogen nicht zu benutzen weiss, fällt durch das Raster. Wir müssen funktionieren, leisten und gewinnen. Alles andere zählt nicht.
Ich habe gelesen, dass Enke die Kraft dafür aus dem Fussball gezogen hat. Er war ein wichtiger Teil von etwas, was vielen Menschen viel bedeutete, man hat ihm zugejubelt. Woher nimmt Herr Müller von der Sparkasse, oder Frau Meier an der Kasse im Supermarkt die Kraft dafür? Ihnen jubelt am Wochenende niemand zu. Und Montags auch nicht. Wie viel kann ein Mensch ertragen? Wie viel kann man einem Menschen zutrauen, zu ertragen?
Ich bin ein Beobachter unserer Gesellschaft, der Menschen neben mir und mir selbst. Ich beobachte Dinge, die vor sich gehen, oder Eigenheiten der Menschen um dann in meinen Songs davon zu erzählen. Und ich halte mich keinen schlechten Beobachter. Auch mir ist nicht aufgefallen, dass Robert Enke so schwer krank war. Ich bin ein Teil unserer Gesellschaft. Wir haben es nicht gemerkt. Wir merken es nicht, wenn um uns herum jemand erkrankt, wenn wir es nicht sofort sehen. Die Krankheit von Robert Enke ist leise. Sie fällt nicht auf, sie hat keine Lobby. Sie wird nicht akzeptiert.
Die Betroffenen müssen sich davor fürchten, sie zu erwähnen. Sie hören dann so etwas wie, man solle sich nicht so anstellen, schliesslich hätte jeder mal ein schlechter Tag.
So sind wir. So ist unsere Gesellschaft, wir lassen dies zu. Wie weit wollen wir gehen?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine andere Person in Hannover sich ähnlicher Beliebtheit erfreuen konnte wie er.
Sicherlich, für die meisten war er DER grosse Torwart. Doch Enke hat auch neben dem Platz die Menschen berührt. Das wird er auch weiterhin tun.
In Verneigung vor einer grossen Persönlichkeit, mein tiefstes Mitgefühl für seine Frau Teresa, seine Tochter Leila und seinen Angehörigen.
Dodo
Freitag, 13. November 2009
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