Er hatte sich beruhigt, wir setzten uns wieder hin und erzählte mir diese ungeheuerliche Geschichte, viel entsetzlicher als ich mir je hätte vorstellen können. Es stellte sich nun nämlich heraus, dass A. aus H. ständig verwechselt wird. Und zwar nicht mit einer bestimmten Person. Nein, jedes mal in eine andere, völlig unbekannte. Ständig laufen irgendwelche Leute auf ihn zu, nehmen ihn in den Arm und teilen ihm voller Freude mit, wie schön es sei, dass sie sich endlich mal wieder über den Weg laufen, es sei doch schon so lange her, wie es ihm denn gehe, was Frau und Kinder so machen. Anfangs, meinte er, wäre das noch ganz lustig gewesen. Er hätte sich dann Geschichten einfallen lassen; Die Frau sei über alle Berge, die Kinder hätten sich allesamt einer Geschlechtsum-wandlung unterzogen, und solche Sachen. Aber mit der Zeit… er werde andauernd umarmt, getätschelt und in die Wange gekniffen. Und das von völlig fremden Personen. Die Sache habe ihn schon an den Rand einer Identitätskrise gebracht.
Ich dachte mir, schließlich werde er immer umarmt, die Leute freuen sich, ihn zu sehen. So gesehen, man müsste ihn sich als glücklichen Menschen vorstellen.
Weil ich zum Abschied noch etwas schlaues sagen wollte, sagte ich: „Tja...Mensch...ne?“ Und weil mir nicht mehr einfiel, habe ich ihn umarmt, getätschelt und in die Wange gekniffen.
Als ich dann auf den Bus wartete, habe ich weiter über seine Geschichte nachgedacht. Mir sagt man ja eine gewisse Ähnlichkeit mit Miley Cyrus nach. Jedenfalls an besseren Tagen. Ihrerseits. An weniger guten Tagen, ist eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Kim Jong Il wohl nicht zu leugnen, vor allem wenn ich in meiner selbstgeschneiderten Weltherrscheruniform in der Stadt lustwandle und auf irgendwelche Dinge starre.
Doch, tragen wir nicht alle unsere Masken? Ist unser Erstreben denn nicht allen gleich, unser wahres ICH zu verbergen?
Ja, so ist es auch bei mir, wenn ich auf Dinge starre und lustwandle durch die Stadt in meiner Uniform – es ist doch nur eine Maske. Selbst wenn ich auf einer Bühne stehe (oder in meinem Fall ja sitze) und meine, ja ich sage es: rattengeile Gassenkracher schmettere, mit meiner, so betörend anmutiger, glockenhaften, samtweichen Stimme, den härtesten Stahl zu biegen ich damit im Stande bin – ja, auch das- alles nur eine Maske.
Denn mein wahres ICH verbirgt sich unter meinem Cape, wenn ich des nachts, im Schein des Mondes einsam durch die Strassen unserer Stadt fliege, über Häuser hinfort auf der Suche, Gutes zu tun, Schurken zu jagen, dem Verbrechen das Handwerk zu legen, die Welt von koboldartigen Bösewichten zu beschützen, auf dass die Menschen wieder angstfrei vor die Tür treten können, ohne von einer hinterhältigen alten Dame mit ihrer Handtasche erschlagen zu werden, geschweige denn sonstigen schauerlichen Gräueleien.
Denn: Was immer mir im Leben bevorsteht, ich werde nie diese Worte vergessen: 'Aus großer Kraft folgt große Verantwortung!' Dies ist meine Gabe, mein Fluch! Wer ich bin?
Ich bin Spider-Dod!"
